Es ist eine dieser Fragen, die niemand böse meint.
„Und? Wohin fahrt ihr in den Sommerferien?“
Man hört sie am Gartenzaun, in der Kita-Garderobe, auf dem Schulhof oder beim Einkaufen. Sie klingt leicht, freundlich, fast beiläufig. Für viele Kinder öffnet sie die Tür zur Vorfreude. Italien, Campingplatz, Ostsee, Oma in Bayern, Freibadwoche mit Freundinnen und Freunden. Vielleicht auch nur ein paar Tage weg. Hauptsache raus. Hauptsache etwas erleben. Hauptsache etwas erzählen können, wenn die Ferien vorbei sind.
Für andere Kinder ist genau diese Frage schwer.
Nicht, weil sie falsch ist, sondern weil sie sichtbar macht, was sonst oft verborgen bleibt. Sie zeigt, wer verreist, wer Ausflüge macht, wer Ferienlager erlebt und wer neue Geschichten sammelt. Und sie zeigt auch, wer lieber nichts sagt.
Denn manche Kinder fahren nicht weg. Nicht, weil sie keine Lust haben, sondern weil kein Geld da ist. Weil die Familie gerade andere Sorgen hat. Weil Alleinerziehende Dinge jonglieren, die eigentlich nicht mehr jonglierbar sind. Weil Ferien nicht Entlastung bedeuten, sondern sechs Wochen Organisation unter Druck.
So wird aus einer freundlichen Frage ein kleiner sozialer Scheinwerfer. Und manche Kinder lernen früh, in diesem Licht nicht zu stehen.
Die Zahlen hinter dem Schweigen
Reden wir nicht drumherum. Kinderarmut ist kein abstraktes Thema. Sie sitzt in Klassenzimmern, in Sporthallen, in Jugendgruppen und in Wartezimmern. Man erkennt sie nur nicht immer, weil sie selten laut auftritt.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 2024 in Deutschland 15,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren armutsgefährdet. Das sind gut 2,2 Millionen junge Menschen. Gegenüber dem Vorjahr ist dieser Wert gestiegen.
Noch konkreter wird es bei der Frage nach Urlaub. Für 12 Prozent der Kinder und Jugendlichen war 2024 eine einwöchige Urlaubsreise aus finanziellen Gründen nicht möglich. Das ist ungefähr jedes achte Kind.

Es bleibt nicht bei der großen Reise. Rund 5 Prozent der Kinder mussten 2024 auf regelmäßige Freizeitaktivitäten wie den Sportverein oder Kinobesuche verzichten. Ein bis zwei Prozent konnten keine Freunde nach Hause einladen oder keinen Geburtstag feiern. Kein Schwimmbad. Kein Zoo. Kein Eis am Kiosk, wenn alle anderen eins haben.
Das klingt nach Statistik. Für Kinder fühlt es sich anders an.
Es ist der Moment nach den Ferien, wenn alle erzählen, wo sie waren. Es ist der Montagmorgen in der Schule, wenn gefragt wird: „Was habt ihr Schönes gemacht?“ Es ist der kurze Blick zur Seite, während andere vom Meer erzählen, vom Freizeitpark, vom Hotelpool oder vom Flughafen.
Und dann sitzt da ein Kind, das zu Hause war. Vielleicht war es trotzdem schön. Vielleicht auch nicht. Vielleicht gab es Streit, Langeweile, Druck oder Einsamkeit. Vielleicht gab es keinen Ausflug, keinen Verein, kein Ferienprogramm und kein Geld für Schwimmbad und Eis.
Armut zeigt sich nicht nur darin, dass etwas fehlt. Sie zeigt sich auch darin, dass Kinder anfangen, sich selbst zu erklären, warum sie weniger haben.
Ferien sind keine Nebensache
Man kann jetzt sagen: „Früher sind wir auch nicht ständig weggefahren.“ Das stimmt. Und trotzdem greift dieser Satz zu kurz.
Es geht nicht darum, dass jedes Kind zwei Wochen ans Mittelmeer muss. Es geht nicht um Fernreisen, Hotelsterne oder Fotos aus dem Flugzeug. Es geht um Teilhabe.
Ferien sind für Kinder mehr als freie Zeit. Sie sind Erlebnisse, Gesprächsstoff, Zugehörigkeit und manchmal auch der kleine Beweis, dass man dabei war. Wer nie mitmachen kann, merkt das. Wer beim Geburtstag nicht einladen kann, merkt das. Wer nicht ins Kino, nicht ins Schwimmbad und nicht ins Ferienlager kann, merkt das ebenfalls. Nicht immer laut, aber sehr genau.
Kinder vergleichen nicht in Prozenten. Sie vergleichen in Momenten. Sie sehen die neuen Schuhe, das Pausenbrot, die Sporttasche, die Urlaubsgeschichte und diesen einen Satz: „Wir fahren dieses Jahr wieder nach …“
Irgendwann lernen manche Kinder, auszuweichen. „Wir machen vielleicht noch was.“ „Weiß ich nicht.“ „War nichts Besonderes.“ Oder sie erzählen etwas, das nicht stimmt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Schutz.
Ein Kind, das im Klassenkreis nach den Ferien lügt, trägt eine Last, die kein Kind tragen sollte.
Zwischen Siegen-Wittgenstein und Wetzlar
Jetzt Jugendhilfe arbeitet in einer Region, die auf den ersten Blick nicht arm wirkt. Siegen-Wittgenstein, Wetzlar, Mittelhessen. Viel Mittelstand, viele Vereine, viele Familien, für die Ferien, Ausflüge und ein gewisses Maß an Sicherheit selbstverständlich erscheinen.
Gerade deshalb ist das Thema heikel.
Die Raumordnungsregion Siegen weist laut IT.NRW für das Jahr 2025 mit 13,3 Prozent die niedrigste Armutsgefährdungsquote in Nordrhein-Westfalen auf. Landesweit liegt sie bei 17,8 Prozent. Das ist eine gute Nachricht. Wirklich.
Aber eine niedrige Quote heißt nicht, dass es kein Problem gibt. Sie bedeutet eher, dass betroffene Kinder leichter aus dem Blick geraten. Wo viele Familien stabil wirken, wird Armut schnell unsichtbar. Wo Wegfahren normal erscheint, wird Zuhausebleiben schneller zur Scham. Und wo Teilhabe als selbstverständlich gilt, spürt das einzelne Kind seine Ausnahme besonders stark.
Hinzu kommt: Bei Kindern liegt das Risiko fast überall höher als beim Durchschnitt. In NRW lebte 2024 knapp jede vierte minderjährige Person in einem einkommensarmen Haushalt, 23,3 Prozent. Eine gute Gesamtquote verdeckt also, dass Kinder die Last überproportional tragen.
Auch in Hessen, im Lahn-Dill-Kreis, ist das Thema präsent. Das Kommunale Jobcenter Lahn-Dill und der Kreis halten eigene Strukturen für Bildung und Teilhabe vor. Das zeigt: Der Bedarf ist da, auch hier, auch direkt vor unserer Tür.
Das ist keine Randnotiz. Das sind Kinder und Jugendliche in unserer Nähe. In unseren Klassen, Gruppen, Familien und Ferien.
Hilfe gibt es. Aber sie muss ankommen.
Es gibt staatliche Unterstützung. Das ist wichtig.
Über das Bildungs- und Teilhabepaket können Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringem Einkommen Unterstützung erhalten. Für Sport, Kultur und Freizeiten stehen 15 Euro monatlich pauschal zur Verfügung, also bis zu 180 Euro im Jahr. Der Betrag lässt sich ansparen, sodass daraus auch Feriengeld für ein Ferienlager werden kann.
Das Problem ist nur: Ein Anspruch auf dem Papier ist noch keine erlebte Teilhabe.
Viele Familien wissen nicht genau, was ihnen zusteht. Manche scheitern an Formularen. Manche schieben Anträge auf, weil der Alltag ohnehin schon überläuft. Manche schämen sich. Manche haben gelernt, lieber nichts zu fragen. Und manchmal reicht der Betrag schlicht nicht aus, wenn alles teurer wird.
Gut gemeint ist ein Fördertopf. Gut gemacht ist der Mensch, der sagt: „Komm, wir schauen da gemeinsam drauf.“
Gut gemeint ist ein Formular. Gut gemacht ist ein Ferienangebot, bei dem niemand erklären muss, warum er oder sie Unterstützung braucht. Gut gemeint ist der Hinweis: „Da können Sie einen Antrag stellen.“ Gut gemacht ist eine Struktur, die Kindern wirklich hilft, mitzumachen.
Was Jugendhilfe in den Ferien leisten kann
Jugendhilfe ersetzt keinen Familienurlaub. Das ist auch nicht ihre Aufgabe.
Aber Jugendhilfe kann etwas anderes leisten. Etwas, das oft wichtiger ist als der Ortswechsel. Sie kann sichere Orte schaffen, Ferien strukturieren, Familien entlasten und Kindern Erlebnisse ermöglichen, die nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen.

Sie kann dafür sorgen, dass ein Kind nach den Ferien etwas erzählen kann, ohne sich kleiner zu fühlen.
Vielleicht war es kein Urlaub am Meer. Vielleicht war es ein Ausflug, ein gemeinsames Kochen, ein Tag im Wald, ein Besuch im Schwimmbad, ein Kreativprojekt, eine Freizeit oder einfach ein Nachmittag, an dem jemand wirklich Zeit hatte.
Das klingt klein. Für ein Kind kann es groß sein. Denn Kinder brauchen nicht immer das Spektakuläre. Sie brauchen Resonanz. Sie brauchen das Gefühl: Ich bin gemeint. Ich darf dabei sein. Ich falle nicht raus.
Gerade in der Jugendhilfe wissen wir, dass nicht jedes Kind zeigt, was fehlt. Manche werden laut, manche machen dicht, manche spielen cool und manche sagen „egal“, obwohl gar nichts egal ist. Deshalb müssen Erwachsene genauer hinhören. Nicht nur auf das, was gesagt wird, sondern auch auf das, was aus Scham verschwiegen wird.
Die Frage bleibt. Aber sie darf anders klingen.
„Und? Wohin fahrt ihr in den Sommerferien?“ Diese Frage wird bleiben. Sie gehört zum Sommer, und sie darf auch bleiben. Freude ist nichts Falsches. Urlaub ist nichts Falsches. Vorfreude ist nichts Falsches.
Aber vielleicht stellen wir danach eine zweite Frage. Nicht: „Warum fahrt ihr nicht weg?“ Sondern: „Was würde dir in den Ferien guttun?“
Vielleicht ist das die bessere Frage, weil sie nicht vergleicht, nicht beschämt und nicht voraussetzt, dass Ferien erst dann wertvoll sind, wenn man weit weg war.
Denn nicht jedes Kind braucht eine Reise. Aber jedes Kind braucht eine gute Zeit. Jedes Kind braucht Erlebnisse, von denen es erzählen kann. Jedes Kind braucht Orte, an denen es nicht über das definiert wird, was fehlt.
Und manchmal beginnt genau dort der Anfang, den ein Kind braucht.
Was bei Teilhabe in den Ferien wichtig ist
- Ferien sind Teilhabe, nicht Luxus. Kinder erleben Ausgrenzung in Momenten, nicht in Prozenten.
- Auch in einkommensstarken Regionen gibt es Kinderarmut. Sie ist nur unsichtbarer.
- Das Bildungs- und Teilhabepaket bietet bis zu 180 Euro im Jahr, ansparbar als Feriengeld.
- Ein Anspruch auf dem Papier ist noch keine erlebte Teilhabe. Es braucht Menschen, die begleiten.
- Jugendhilfe ersetzt keinen Urlaub, aber sie kann sichere Orte und Erlebnisse schaffen.
Dieser Beitrag ist Teil des Magazins von Jetzt Jugendhilfe. Hier ordnen wir fachliche Themen ein, machen Zusammenhänge verständlich und zeigen Haltung in der Praxis.

