Ich heiße Alexandra von Lintig und arbeite seit Januar 2024 bei der Jetzt Jugendhilfe. Ich leite eine Intensivwohngruppe in Netphen, die im März 2024 eröffnet wurde.
Wenn Menschen "Intensivwohngruppe" hören, entstehen manchmal sofort Bilder im Kopf. Manche sind realistisch. Viele nicht. Oft klingt es nach Problem. Nach Ausnahmezustand. Nach Kindern, bei denen "etwas nicht stimmt". Genau da fängt das Missverständnis an.
Kinder, keine Fälle
In unserer Wohngruppe leben Kinder und Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihrer Herkunftsfamilie bleiben konnten. Viele bringen Erfahrungen mit, die kein Kind machen sollte. Sie haben Dinge erlebt, die Spuren hinterlassen. Manche fehlen lange in der Schule, andere haben soziale Ängste oder psychische Belastungen. Viele haben gelernt, sich zu schützen, bevor sie überhaupt verstanden haben, wovor.
Aber sie sind keine "Heimkinder" aus irgendeinem alten Klischee.
Sie sind Kinder und Jugendliche. Mit Interessen, Macken, Humor, Wut, Unsicherheit, Lieblingsessen, schlechten Tagen und guten Momenten. So wie andere auch. Nur mit einem Rucksack, der oft schwerer ist.
Ein Haus voller Alltag
Unsere Wohngruppe ist in einem ehemaligen Zweifamilienhaus untergebracht. Als wir gestartet sind, war sie innerhalb von anderthalb Monaten voll belegt. Geplant ist Platz für sieben Kinder. Das klingt nach viel. Ist es auch.
Wir arbeiten mit einem hohen Personalschlüssel, fast eins zu eins. Das braucht es. Nicht, weil hier dauerhaft Chaos herrscht, sondern weil diese Kinder Aufmerksamkeit, Struktur und verlässliche Beziehungen brauchen. Man kann nicht mit halbem Ohr zuhören, wenn ein Kind gerade testet, ob man wirklich bleibt.
Der Alltag ähnelt manchmal einem großen Familienhaushalt. Nur eben mit mehr Terminen, mehr Absprachen und mehr pädagogischem Hintergrundrauschen. Die Kinder haben Einzelzimmer, und in der großen Wohnküche trifft sich vieles von dem, was unser Leben dort ausmacht. Dort wird gegessen, geredet, gestritten, gelacht und manchmal einfach nur gesessen. Dazwischen liegen Schule, Freizeit, Arzt- und Therapietermine, Besuchskontakte, Hilfeplangespräche, Wäsche, Hausaufgaben und natürlich die sehr grundsätzliche Frage, wann es mehr Medienzeit gibt.
Also: Alltag.
Natürlich ist dieser Alltag intensiver als in vielen Familien. Wir arbeiten aktuell mit Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 15 Jahren. Die Gruppe ist koedukativ. Da treffen unterschiedliche Entwicklungsstände, unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Arten aufeinander, mit Nähe, Grenzen und Frust umzugehen. Das ist dynamisch. Manchmal sehr dynamisch.
Wer glaubt, eine Wohngruppe sei ein pädagogisch sortiertes Wohnzimmer mit Wochenplan und harmonischem Gruppengefühl, darf gerne einmal einen Nachmittag vorbeikommen, an dem mehrere junge Menschen gleichzeitig Hunger, Redebedarf, schlechte Laune, Bewegungsdrang und eine Meinung zur Weltlage haben.
Trotzdem versuchen wir, ein möglichst normales Leben möglich zu machen. Dazu gehört auch, dass wir nicht nur im Haus bleiben. Alle zwei Wochen gehen wir mit den Kindern zum Reiten, und regelmäßig kommt ein Gruppenhund zu uns. Für manche Kinder ist der Kontakt zu Tieren leichter als der zu Menschen. Tiere fragen nicht nach Akten. Sie bewerten nicht. Sie sind einfach da. Das kann manchmal mehr öffnen als ein langes Gespräch.
Ankommen in der Nachbarschaft
Auch die Nachbarschaft war am Anfang ein Thema. Das verstehe ich sogar. Wenn plötzlich eine Intensivwohngruppe in ein Wohngebiet zieht, gibt es Fragen. Und auch Ängste. Manche Menschen stellen sich dann Kinder vor, die grundsätzlich gefährlich sind. Das ist falsch.
Wir haben deshalb einen Tag der offenen Tür gemacht. Wir haben erklärt, wer wir sind, was wir machen und wer bei uns lebt. Transparenz hilft. Heute sind wir gut angekommen. Wir nehmen an Straßenfesten teil. Die Kinder gehören zum Umfeld dazu. So sollte es auch sein.
Herkunft hört nicht auf
Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Elternarbeit. Auch wenn Kinder nicht mehr zu Hause leben können, bleiben Eltern oft eine wichtige Ressource. Wir versuchen, Kontakte zu erhalten, wenn das möglich und gut für das Kind ist. Manche Besuche sind frei möglich, andere werden begleitet, und manchmal geht es vorerst gar nicht. Das entscheidet man nicht aus dem Bauch heraus, sondern gemeinsam mit dem Jugendamt und mit Blick auf das Kind.
Wenn kein Kontakt besteht, hört die Herkunft trotzdem nicht auf. Dann arbeiten wir biografisch. Wir sprechen darüber, wo jemand herkommt. Was war. Was vielleicht fehlt. Was weh tut. Und wie man trotzdem weitergehen kann.
Wir finden nicht alles gut, was du machst. Aber wir stehen an deiner Seite.
Beziehung, die bleibt
Für mich ist dabei eine Grundhaltung zentral: Wir trennen die Person vom Verhalten. Das heißt nicht, dass wir alles gut finden. Ganz sicher nicht. Wenn jemand andere verletzt, Grenzen überschreitet oder Regeln missachtet, wird das klar benannt. Aber das Kind bleibt trotzdem wertvoll. Der Satz dahinter ist im Grunde einfach: Wir finden nicht alles gut, was du machst. Aber wir stehen an deiner Seite.
Das klingt vielleicht schlicht. Ist es aber nicht. Gerade Kinder und Jugendliche, die viel Ablehnung erlebt haben, prüfen sehr genau, ob Erwachsene wirklich bleiben. Ob sie nur freundlich sind, solange alles gut läuft. Oder ob sie auch dann noch da sind, wenn es schwierig wird.
Diese Beziehungserfahrung ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Punkte in unserer Arbeit. Man kann traumapädagogisch arbeiten, man kann Konzepte schreiben, man kann Strukturen aufbauen. Alles wichtig. Aber am Ende zählt im Alltag oft etwas sehr Konkretes: Ist da jemand, der verlässlich bleibt? Jemand, der nicht sofort aufgibt? Jemand, der Grenzen setzt, ohne abzuwerten?
Ein Team, das trägt
Unser Team spielt dabei eine große Rolle. Wir arbeiten mit qualifizierten Fachkräften, die wissen, worauf sie sich einlassen. Trotzdem braucht diese Arbeit Austausch. Wir haben wöchentliche Teamsitzungen und alle drei Monate Supervision. Die Dienste sind meistens doppelt besetzt. Nachts gibt es zusätzlich eine Rufbereitschaft.
Das klingt organisatorisch. Ist aber fachlich entscheidend.
Niemand sollte diese Arbeit allein tragen müssen. Wer mit belasteten Kindern arbeitet, braucht selbst ein belastbares System. Sonst wird aus Engagement irgendwann Erschöpfung. Und davon hat am Ende niemand etwas.
Und danach? Das Thema Care Leaver
Was mich fachlich und persönlich immer wieder beschäftigt, ist die Frage, was nach der Jugendhilfe passiert.
Viele junge Menschen werden mit 18 plötzlich sehr erwachsen behandelt. Zumindest auf dem Papier. In der Realität ist der Unterstützungsbedarf damit nicht einfach weg. Wer jahrelang begleitet wurde, wer Beziehungsabbrüche erlebt hat, wer noch dabei ist, Stabilität aufzubauen, braucht nicht plötzlich weniger Halt, nur weil ein Geburtstag im Kalender steht.
Das Thema Care Leaver wird aus meiner Sicht noch viel zu wenig ernst genommen. Natürlich gibt es Verselbstständigung, betreutes Wohnen und Übergänge. Aber diese Übergänge müssen gut begleitet werden. Sonst lassen wir junge Menschen genau dann los, wenn sie eigentlich noch jemanden brauchen, der zumindest in Reichweite bleibt.
Und ja, ich finde: Hier müsste eher ausgebaut als gekürzt werden.
In unserer Arbeit sehen wir jeden Tag, dass Entwicklung Zeit braucht. Manche Kinder bleiben lange. Andere gehen zurück in ihre Familie, wenn sich dort genug stabilisiert hat. Manche wechseln später in andere Wohnformen. Jeder Weg ist anders. Und jeder Übergang löst etwas aus. Bei den Kindern, bei den Familien und auch bei uns.
Man baut Beziehungen auf. Man begleitet. Man freut sich über Fortschritte. Man ärgert sich über Rückschritte. Man hält aus. Und irgendwann geht jemand weiter.
Das gehört dazu. Leicht ist es trotzdem nicht immer.
Was ich mir wünsche
Was ich mir wünschen würde? Dass wir gesellschaftlich anders über Kinder und Jugendliche in Wohngruppen sprechen. Nicht als Problemgruppe. Nicht als "die aus dem Heim". Nicht mit diesem alten Blick, der sofort Abstand schafft.
Diese Kinder brauchen keine Sonderrolle im negativen Sinn. Sie brauchen eine echte Chance. Rückenstärkung. Menschen, die ihnen zutrauen, mit ihrem Rucksack leben zu lernen, ohne immer nur auf diesen Rucksack reduziert zu werden.
Ich mag das Wort Resilienz nicht besonders. Es wird oft benutzt und klingt schnell nach Fachvortrag. Ich würde es einfacher sagen: Es geht um Kraft und Mut. Um eine Kraft und einen Mut, die es leichter machen, den eigenen Rucksack zu tragen.
Darum geht es.
Nicht darum, dass alles verschwindet, was war. Das wäre unrealistisch. Aber darum, dass Kinder und Jugendliche merken: Ich bin mehr als das, was mir passiert ist. Ich kann lernen, mit mir und meiner Geschichte umzugehen. Ich kann Beziehungen erleben, die anders sind. Ich kann Schritte gehen, auch wenn sie klein sind.
Unsere Wohngruppe ist kein perfekter Ort. Das wäre auch ein komischer Anspruch. Sie ist ein lebendiger Ort. Manchmal laut. Manchmal anstrengend. Manchmal überraschend schön. Ein Ort, an dem gekocht, gestritten, gelacht, geplant, getröstet und ausgehalten wird.
Eine gute Wohngruppe ersetzt nicht einfach Familie. Sie tut auch nicht so, als wäre alles normal. Aber sie kann ein Ort sein, an dem Kinder und Jugendliche wieder etwas mehr Sicherheit bekommen.
Nicht durch große Worte. Sondern durch Alltag. Durch Beziehung. Durch Erwachsene, die da sind und bleiben.
Was diese Arbeit ausmacht
- Die Person vom Verhalten trennen, ohne Grenzen aufzugeben.
- Hohen Personalschlüssel und Austausch im Team als fachliche Grundlage verstehen.
- Elternarbeit und Biografiearbeit ernst nehmen, auch wenn kein Kontakt besteht.
- Nachbarschaft durch Transparenz einbeziehen, statt Ängste stehen zu lassen.
- Care Leaver beim Übergang ins Erwachsenenleben verlässlich begleiten.

Alexandra von Lintig
Leitung Intensivwohngruppe Netphen · Jetzt Jugendhilfe
Alexandra von Lintig arbeitet seit Januar 2024 bei der Jetzt Jugendhilfe und leitet eine Intensivwohngruppe in Netphen. In ihrer Arbeit geht es um klare Strukturen, verlässliche Beziehungen und darum, Kindern und Jugendlichen ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Ohne Klischees. Ohne Pathos. Aber mit viel fachlicher Verantwortung.
Dieser Beitrag ist Teil der Einblicke von Jetzt Jugendhilfe. Hier zeigen wir den Alltag, die Häuser und die Menschen, die unsere Arbeit tragen.
