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Kinder gestalten gemeinsam an einem Tisch mit Holz, Perlen und buntem Material als Symbol für die soziale Gruppenarbeit
Einblick

Was Kinder in einer Gruppe lernen, kann kein Einzelgespräch ersetzen

Silke Krah und Hartwig Geppert arbeiten in der sozialen Gruppenarbeit der Jetzt Jugendhilfe. Ein Einblick in eine Arbeit, die niedrigschwellig ist, aber nicht nebensächlich.

24.06.2026Silke Krah & Hartwig Geppert8 Min. Lesezeit

Worum es in diesem Beitrag geht

Soziale Gruppenarbeit klingt erst einmal nach einem langen Begriff. Tatsächlich ist sie eine ambulante Hilfe zur Erziehung nach § 29 SGB VIII, die Kindern einen Raum gibt, in dem sie soziales Verhalten nicht erklärt bekommen, sondern üben dürfen. Silke Krah und Hartwig Geppert erzählen, warum die Gruppe das eigentliche Arbeitsfeld ist, wie sie sich als Team ergänzen und warum Erfolg in dieser Arbeit selten messbar, aber trotzdem echt ist.

Soziale Gruppenarbeit ist eine ambulante Hilfe zur Erziehung nach § 29 SGB VIII.

Kinder lernen in der Gruppe Dinge, die sich in einem Einzelgespräch nur schwer herstellen lassen.

Erfolge sind oft klein und nicht messbar, aber echt und nachhaltig.

Wir sind Silke Krah und Hartwig Geppert. Gemeinsam arbeiten wir in der sozialen Gruppenarbeit der Jetzt Jugendhilfe in Dahlbruch.

Das klingt erst einmal nach einem sehr langen Begriff. Soziale Gruppenarbeit. Man kann sich dahinter vieles vorstellen. Eine Art Nachmittagsbetreuung vielleicht. Ein Kurs. Ein pädagogisches Angebot. Irgendetwas zwischen Freizeit, Förderung und Hilfe. Ganz falsch ist das nicht. Aber es greift zu kurz.

Mehr als Nachmittagsbetreuung

Soziale Gruppenarbeit ist eine ambulante Hilfe zur Erziehung nach § 29 SGB VIII. Sie richtet sich an Kinder und Familien, bei denen Unterstützung sinnvoll oder notwendig ist. Zum Beispiel, weil es Entwicklungsverzögerungen gibt. Weil ein Kind in der Schule auffällt. Weil es Konflikte gibt. Weil Verhalten entsteht, das Eltern, Schule oder Umfeld nicht mehr allein auffangen können.

Die Hilfe wird über das Jugendamt bewilligt. Oft entsteht der erste Impuls in der Schule. Dort fällt auf, dass ein Kind Schwierigkeiten hat, sich in Gruppen einzufinden, Regeln zu akzeptieren, Konflikte auszuhalten oder mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Dann sprechen Schule und Eltern miteinander. Irgendwann kommt der Regionale Soziale Dienst dazu. Und wenn es passt, kann die soziale Gruppenarbeit ein Angebot sein.

Freiwilligkeit ist wichtig

Wichtig ist uns dabei: Die Kinder sollen nicht einfach irgendwo abgeliefert werden. Sie dürfen die Gruppe kennenlernen. Sie dürfen ausprobieren, ob es für sie passt. Natürlich kommen manche Kinder nicht morgens aus dem Bett und sagen: „Heute hätte ich gern eine ambulante Hilfe zur Erziehung." So läuft das Leben eher selten. Aber sie müssen eine Chance haben zu merken: Das hier ist kein Strafprogramm. Das ist ein Ort, an dem ich etwas erleben kann. Mit anderen Kindern. Mit Erwachsenen, die nicht meine Eltern sind und nicht meine Lehrer.

Genau diese Rolle ist besonders. Wir sind keine Schule. Wir sind nicht Familie. Wir sind auch nicht die Instanz, die Noten vergibt oder zu Hause die Regeln macht. Wir sind Erwachsene, die begleiten, beobachten, anleiten und auch mal klar intervenieren. Aber wir tun das in einem anderen Rahmen.

Kinder lernen in der Gruppe Dinge, die man in einem Einzelgespräch nur schwer herstellen kann. Das ist nicht immer bequem. Aber es ist wirksam.

Die Gruppe ist das eigentliche Arbeitsfeld

Die Gruppen finden zweimal pro Woche für jeweils zwei Stunden statt. Unsere Standorte sind Dahlbruch und Wilnsdorf. In der Gruppe müssen Kinder warten. Teilen. Streiten. Nachgeben. Sich behaupten. Andere aushalten. Sich selbst zeigen. Sie erleben, dass sie nicht die Einzigen sind, denen etwas schwerfällt. Und sie merken manchmal auch, dass das eigene Verhalten bei anderen etwas auslöst.

Wir versuchen dabei, keine Unterrichtssituation zu bauen. Die Kinder sollen nicht das Gefühl haben, sie sitzen nach der Schule direkt in der nächsten Belehrung. Es geht nicht darum, vorne zu stehen und zu erklären, wie gutes Sozialverhalten funktioniert. Es geht darum, Situationen entstehen zu lassen, in denen man üben kann. Beim Spielen. Beim Basteln. Beim Schwimmen. Beim gemeinsamen Planen. Beim Toben. Genau dort wird es pädagogisch interessant.

Hände halten mehrere Holzfiguren als Symbol für gemeinsames Gestalten und Beziehung in der Gruppenarbeit
Beim gemeinsamen Gestalten entsteht Raum zum Ausprobieren, ohne dass sofort bewertet wird.

Natürlich achten wir sehr darauf, wie eine Gruppe zusammengesetzt ist. Wenn zu viele Kinder mit sehr ähnlichen Schwierigkeiten zusammenkommen, kann sich Verhalten auch gegenseitig verstärken. Dann wird aus Auffälligkeit schnell Normalität. Deshalb ist eine gute Mischung wichtig. Jungen und Mädchen. Unterschiedliche Temperamente. Kinder, die eher laut sind, und Kinder, die eher vorsichtig sind. Unsere Gruppen können bis zu zehn Kinder aufnehmen, in Ausnahmefällen auch zwölf. Mit zwei Erwachsenen kann man dann gut arbeiten und trotzdem kleine Zeitfenster für einzelne Kinder schaffen.

Jeder findet einen anderen Zugang

Nicht jedes Kind findet über Sprache einen Einstieg. Manche finden ihn über Bewegung. Andere über Material. Andere darüber, dass sie etwas mit den Händen machen dürfen. Hier ergänzen wir uns als Team sehr gut. Hartwig ist eher technisch und handwerklich orientiert. Da geht es um Konstruktion, Material, Stabilität und Funktion. Silke bringt durch ihre künstlerische Arbeit einen freieren, kreativen Blick ein, mit Ton, Holz, Farben und Formen.

Dabei geht es nicht darum, dass am Ende etwas „Schönes" im klassischen Sinn entsteht. Es geht darum, dass ein Kind etwas ausprobiert. Dass es merkt: Ich darf hier gestalten. Ich darf etwas machen, ohne dass es direkt bewertet wird. Es muss nicht aussehen wie in der Vorlage. Es muss nicht perfekt sein. Es darf meins sein. Für manche Kinder ist genau das eine neue Erfahrung.

Wir sind als Team nicht gleich. Müssen wir auch nicht sein. Wir ergänzen uns. Und genau das ist für die Kinder sichtbar.

Zusammenarbeit mit Eltern

Manchmal sind Eltern am Anfang skeptisch. Verständlicherweise. Viele haben schon erlebt, dass ihr Kind irgendwo nach kurzer Zeit wieder gehen musste. Wir erinnern uns an Eltern, die sinngemäß sagten: „Das hat doch keinen Zweck. Der wird doch überall nach zehn Minuten wieder nach Hause geschickt." Dann sagen wir: Langsam. Erst einmal ausprobieren. Erst einmal schauen.

Und wenn ein Kind dann über Jahre in der Gruppe bleibt, wenn es Fortschritte macht und die Eltern zu Hause merken, dass sich etwas bewegt, entsteht Vertrauen. Nicht durch Versprechen. Sondern durch Erfahrung. Natürlich sind wir nicht allein unterwegs. Es gibt Hilfeplangespräche mit dem Regionalen Sozialdienst, den Eltern und manchmal weiteren Beteiligten. Ziel ist, dass alle an einem Strang ziehen.

Erfolg ist nicht immer messbar

Erfolge in unserer Arbeit sind nicht immer messbar. Das muss man aushalten können. Es gibt keine einfache Tabelle, in der am Ende steht: Sozialverhalten um 37 Prozent verbessert. So funktioniert Entwicklung nicht. Manchmal merkt man Erfolg daran, dass ein Kind überhaupt bleibt. Dass es regelmäßig kommt. Dass es nicht nach zehn Minuten eskaliert. Dass es etwas sagt, statt zu werfen. Dass es jemanden neben sich duldet, den es vor drei Wochen noch nicht ausgehalten hätte. Das klingt klein. Ist es aber nicht.

Es gibt auch große Geschichten, die bleiben. Ein ehemaliger Teilnehmer mit geistiger Beeinträchtigung wurde später in einer TV-Reportage gezeigt. Er hatte eine Ausbildung abgeschlossen, eine Arbeit gefunden und eine eigene Wohnung. Wenn man so etwas sieht und weiß, dass man ein Stück seines Weges mitbegleitet hat, dann ist das eine besondere Bestätigung. Nicht, weil man sich selbst auf die Schulter klopfen muss. Sondern weil man merkt: Diese Arbeit kann Spuren hinterlassen.

Am Ende geht es nicht darum, perfekte Kinder aus der Gruppe zu entlassen. Es geht darum, dass Kinder etwas mitnehmen. Eine Erfahrung. Ein bisschen mehr Mut. Und manchmal beginnt genau dort Veränderung. Nicht laut. Nicht spektakulär. Aber echt.

Was diese Arbeit ausmacht

  • Freiwilligkeit ernst nehmen: Kinder dürfen die Gruppe kennenlernen und ausprobieren, ob es passt.
  • Situationen schaffen, in denen geübt werden kann, statt nach der Schule die nächste Belehrung zu liefern.
  • Gruppen bewusst mischen, damit sich auffälliges Verhalten nicht gegenseitig verstärkt.
  • Kleine Momente der Aufmerksamkeit ernst nehmen, sie wirken stärker als man von außen denkt.
  • Mit Eltern Vertrauen über Erfahrung aufbauen, nicht über Versprechen.
Über die Autorin und den Autor
Porträt von Silke Krah, soziale Gruppenarbeit bei der Jetzt Jugendhilfe

Silke Krah

Soziale Gruppenarbeit · Jetzt Jugendhilfe

Silke Krah arbeitet in der sozialen Gruppenarbeit der Jetzt Jugendhilfe. Ihr Schwerpunkt liegt im kreativen und künstlerischen Arbeiten mit Kindern. Sie bringt Materialien, Ideen und einen offenen Blick in die Gruppe ein. Dabei geht es nicht um perfekte Ergebnisse, sondern darum, dass Kinder gestalten, ausprobieren und erleben dürfen: Ich kann etwas Eigenes schaffen.

Porträt von Hartwig Geppert, soziale Gruppenarbeit bei der Jetzt Jugendhilfe

Hartwig Geppert

Soziale Gruppenarbeit · Jetzt Jugendhilfe

Hartwig Geppert arbeitet in der sozialen Gruppenarbeit der Jetzt Jugendhilfe. Er bringt einen handwerklich-praktischen und sehr alltagsnahen Blick in die Gruppenarbeit ein. Besonders wichtig ist ihm, Kinder in ihrer Entwicklung ernst zu nehmen, ihnen verlässliche Aufmerksamkeit zu geben und ihnen Erfahrungen zu ermöglichen, die im Einzelkontakt oft nicht entstehen.

Dieser Beitrag ist Teil der Einblicke von Jetzt Jugendhilfe. Hier zeigen wir den Alltag, die Häuser und die Menschen, die unsere Arbeit tragen.

Häufige Fragen

Soziale Gruppenarbeit ist eine ambulante Hilfe zur Erziehung nach § 29 SGB VIII. Kinder lernen, spielen und streiten in einer Gruppe und üben dabei soziales Verhalten in echten Situationen. Sie ist niedrigschwellig, aber nicht nebensächlich, freiwillig, aber nicht beliebig.

Die Hilfe richtet sich an Kinder und Familien, bei denen Unterstützung sinnvoll oder notwendig ist, etwa bei Entwicklungsverzögerungen, Schwierigkeiten in der Schule oder Konflikten. Oft entsteht der erste Impuls in der Schule. Schule und Eltern sprechen miteinander, der Regionale Soziale Dienst kommt dazu, und das Jugendamt bewilligt die Hilfe.

Freiwilligkeit ist in dieser Arbeit wichtig. Kinder dürfen die Gruppe kennenlernen und ausprobieren, ob es für sie passt. Sie sollen erleben, dass es kein Strafprogramm ist, sondern ein Ort, an dem sie mit anderen Kindern und mit Erwachsenen, die nicht ihre Eltern oder Lehrer sind, etwas erleben können.

Die Gruppen finden zweimal pro Woche für jeweils zwei Stunden statt. Standorte sind Dahlbruch und Wilnsdorf. Eine Gruppe kann bis zu zehn Kinder aufnehmen, in Ausnahmefällen auch zwölf, begleitet von zwei Erwachsenen.

Erfolge sind nicht immer messbar. Manchmal zeigt sich Erfolg daran, dass ein Kind überhaupt bleibt, regelmäßig kommt, einen Konflikt nicht sofort körperlich löst oder jemanden neben sich aushält, den es vor Wochen noch nicht ertragen hätte. Das klingt klein, ist es aber nicht.

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